Eine Realität ohne Freiheit

„ES BRAUCHT EHE OHNE GRENZEN, denn Liebe muss tun können, wozu sie bestimmt ist: Grenzen  überschreiten.
 
Doch dass Grenzen in einer vermeintlich vernetzten, offenen Welt nicht einmal vor der Liebe, dem ureigensten Menschenrecht, seine/n LebenspartnerIn zu wählen, haltmachen ist schlichtweg unmenschlich.
 
Wer sich verliebt, der liebt nicht einen Pass, nicht eine Nationalität oder eine Herkunft. Wer liebt, liebt einen Menschen. 
 
Es braucht braucht Liebe – ohne Grenzen – und es braucht mutige Menschen, die nicht aufhören, Grenzen zu überwinden, um ganz langsam auch die Grenzen in den Köpfen verschwinden zu lassen.“  
 
 
 

„Ich bin Sino aus Honolulu“, so stellte sich mir vor einigen Jahren, die mir manchmal wie Jahrzehnte vorkommen, der Fremde vor, der zu meinem Vertrauten wurde – Sino aus Honolulu erschien mir nach einer langen, durchgefeierten Nacht, genau zur richtigen Zeit – kein Prinz und ohne Pferd, aber mit Humor und einer langen Geschichte.

Sino war der erste seiner Namen, den ich kannte, von denen er viele hatte – im Leben und auf dem Papier – und ich lernte Stück um Stück einen neuen kennen – einen neuen Namen, einen neuen Teil des komplexen Puzzles seines Lebens voller Aufs und Abs, Umbrüchen und Neuanfängen. Dass Honolulu eine Metapher ist für das, was es eigentlich nicht gibt, für das, was eigentlich nicht sein darf, für einen anderen Ort, der dafür steht, was alles nicht sagbar ist, wurde mir erst langsam klar.

Heute sind er und ich seit bald drei Jahren unzertrennlich gemeinsam auf dem Weg an ein Ziel, das uns oft immer noch unerreichbar scheint. Keines dieser naiven Ziele, die man hat, obwohl man weiß, dass man sie ohnehin nie erreichen kann, aber man darf ja noch träumen. Unser Ziel liegt nicht im Traumschloss am Ende des goldgepflasterten Wegs und auch ein Regenbogen kommt darin nicht vor. Honolulu haben wir irgendwann verlassen. Unsere Zeit in Honolulu war schön und sorglos, unendlich frei und weit, ohne Grenzen.

„Es war jedoch irgendwann an der Zeit, heimzukehren in die Realität – eine Realität ohne Freiheit und voller Grenzen, in der es Schlösser nur an Türen gibt, die sich alle schließen, sobald man sich nähert.“

Unsere Ziele sind kleine, einfache, für andere wohl unbedeutend scheinende, wie endlich einmal einen gemeinsamen Urlaub zu planen, zu wissen, wo wir im nächsten Jahr leben werden, uns darauf einstellen, am Morgen gemeinsam aufzuwachen – solche Ziele sind es, die für uns am Ende des Regenbogens liegen. Das Gold haben wir schon lange aufgegeben. Für viele mag es banal klingen, fast lächerlich, wie viel einem Paar solche Ziele bedeuten können. Für mich klingt es nach Realität. Der Grund, warum ich diesen Text schreibe, liegt eben hier, in der Banalität.

„Ich glaube, dass die meisten Menschen, die gelernt haben, zu lieben und zu hoffen, gar nicht wissen, dass ihr Recht, zu lieben, wen sie wollen, wo sie wollen und wie lange sie wollen, ein Privileg ist – ein Privileg, das im privilegierten Österreich sehr exklusiv gewährt wird.“

Mein heutiger Mann und ich haben viele Hürden überwunden, um da zu stehen, wo wir heute sind – und wir sind bei weitem nicht am Ende angelangt! Heute ist unsere Zukunft so ungewiss wie etwa vor einem Jahr, sind unsere Hoffnungen kleiner geworden, aber immer noch greifbar, ist unser Leben so normal wie es eben möglich ist. Es ist aber ein Leben von Tag zu Tag, bestimmt von Gesetzen, Dokumenten, Behörden, Fristen, Kopien, Wartezeiten und auch Kosten – fürs Kopieren, fürs Dokumentieren und letztendlich – fürs Warten.

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„Im Warten sind wir mittlerweile Profis. Wir warten mit Stil, sozusagen.“

Bei der MA35 fühlen wir uns zuhause, manchmal macht es für die anderen Wartenden den Anschein, ich arbeite dort. Wir machen uns Freunde beim Warten, wir geben Ratschläge beim Warten und wir lachen beim Warten. Warten ist ein schöner Zeitvertreib, aber vor allem dann, wenn es ein Ende hat. Auf dieses Ende warten wir immer noch.

Dennoch haben wir auch vieles geschafft: Wir haben die Realität zu unserem Zuhause gemacht, uns einen Platz geschaffen, vor allem aber Sino aus Honolulu, der seinen Pass, seine Identität und seine echte Chance zurückbekommen hat. Ich für meinen Teil habe neue Freunde, eine zweite Heimat und eine neue Sprache dazubekommen, als wir gemeinsam in seine Heimat gereist sind. Eine Heimat, die für ein ganzes Jahr auch meine wurde. Wir haben geheiratet – chaotisch, laut, besonders, anders – irgendwie unreal – Honolulu eben.

„Meine Heimat“ ist für mich heute ein ambivalenter Begriff, denn eine Heimat habe ich auch in dieser anderen Welt gefunden, die mich sehr viel freundlicher aufgenommen hat, als „meine“ Welt meinen Partner.

„‚Meine Heimat‘ ist ein Ort, den es lange schon nicht mehr gibt. Geboren und aufgewachsen in Wien, habe ich immer mehr verlernt, ‚meine Heimat‘ zu lieben.“

Nationalismus war für mich schon immer ein Fremdwort – heute aber liegt der Zwiespalt noch tiefer. Ein Land, das mich nicht sein lässt, wie ich bin, mit wem ich will, und mich grundlegender Menschenrecht beschneidet, ein Land, das mir so viel abverlangt für das Normalste auf der Welt – mit meinem Mann ein Leben zu führen – so ein Land ist nicht meines. Wäre ich alleine – ich wäre schon weg. Wäre da nicht meine kleine Familie, die hier ist, die mich braucht und die am Ende eben „meine Heimat“ ist.

Heute liegt es fast genau ein Monat zurück, dass wir den Antrag auf den Aufenthaltstitel „Familienangehöriger“ endlich abgegeben, endlich alle Dokumente beisammen hatten.

„Es hat sich angefühlt wie ein Striptease, wie sich nackt auszuziehen vor Fremden, das Leben offenzulegen vor Unbekannten.“

Es hat sich eingebrannt, dieses Sitzen vor den Beamten wie eine Sechsjährige vor der Direktorin sitzt, nachdem sie etwas angestellt hat. Abwertende Blicke, Eingriffe in die Privatsphäre, zu viele zu persönliche Fragen, das Verlangen nach Rechtfertigungen für Dinge, die man nicht rechtfertigen muss – ständiger Generalverdacht, ständige Skepsis, ohne jeden Grund. Woher kommt dein Mann, woher kommt dein Geld, woher kommt deine Wohnung, was soll diese Beziehung… Zeig‘ mir deine Verträge, zeig‘ mir deine Bankkonten, zeig‘ mir deine Kontoauszüge, zeig‘ mir, zeig‘ mir, wo du warst, zeig‘ mir, was du hast, zeig‘ mir dein Leben. Zeig‘ mir dein’s, ich zeig‘ dir nicht mein’s. Man verlässt das Büro mit Magenschmerzen, man fühlt sich gedemütigt, suspekt, benutzt.

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Jetzt sitzen wir in Quarantäne und warten wieder einmal. Wir warten auf das Ende der Pandemie, wir warten auf bessere Zeiten, wir warten auf den Brief im Briefkasten, den wir mehrmals täglich besuchen. Die Pandemie ist schlimm genug, sie beunruhigt viele. Mich beunruhigt sie noch ein bisschen mehr. Das Visum läuft bald ab, die Antragsfrist nicht. Ob Sino aus Honolulu in die Quarantäne muss, wenn er nach Hause fliegt und wie lange wir noch warten müssen, weiß niemand. Ob er sich dort ansteckt, auch nicht. Wenn zum Ungewissen so viel mehr Ungewisses hinzukommt, ist Honolulu so weit weg wie nie zuvor und Regenbögen erscheinen wie Fabelwesen, die es nie gegeben hat.

(Clara & Hossni, im März 2020)

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