Ein Schlag ins Gesicht – COVID-19 und die Einreise für unverheiratete Partner_innen

„Ich bin eine Pendlerin. Seit 16 Jahren pendle ich zwischen Deutschland und Österreich, weil mein Lebensgefährte in Wien wohnt und ich in Dresden in Deutschland.“ Ich war glücklich und froh, in Europa, wo die Landesgrenzen für Reisende wie mich keinerlei Bedeutung hatten, zu leben. Seit fast einem Jahr hat sich das nun schlagartig geändert. Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass in Europa die Bedürfnisse so vieler Menschen einfach vollkommen ignoriert werden würden. Ich bin ja nicht etwa ein Sonderfall – abertausende Menschen pendeln, teilweise täglich, wegen der Arbeit, Familie oder aus anderen Gründen über die Landesgrenzen hinweg.

„Als im vergangenen Frühsommer 2020 dann entschieden wurde, dass der Besuch des (auch im europäischen Ausland lebenden) Lebenspartners ein Grundbedürfnis darstellt, war ich zuerst erleichtert.“

In der Hoffnung, dass damit – ganz gleich welche sonstigen Einschränkungen es beim Reisen gibt – für mich und all die anderen Menschen in meiner Situation eine Ausnahme geschaffen wurde. Schlimm genug, dass man die Existenz des Lebensgefährten an der Grenze gegenüber der Polizei „glaubhaft“ machen muss. Ich hatte bei jeder Fahrt Angst davor, dass man mich trotz der gültigen Ausnahmeregelung in Quarantäne steckt. Und das wäre im Übrigen auch passiert, wenn ich mich über meine Rechte selbst nicht genauestens informiert hätte. Das erste, was man an der österreichischen Grenze zu hören bekam, war: „Sie wissen aber schon, dass alle Einreisenden für 10 Tage in Quarantäne gehen müssen?“ Obwohl ich als erstes gesagt hatte, dass ich aufgrund meines Lebensgefährten regelmäßig pendele.

„Man ist machtlos. Und ausgeliefert. Ich habe schon weit vor der Grenze jedes Mal Angst, Herzrasen und zitternde Hände. Eine ganze Mappe voller Unterlagen habe ich im Auto, um im Ernstfall „glaubhaft“ machen zu können, dass ich meinen Lebensgefährten nicht erst gestern kennengelernt habe. Private Fotos. Seine Passkopie. Eine Erklärung, die wir beide unterschrieben haben. Ist das normal? Nein, meines Erachtens nicht.“

Das sind private Informationen, die niemanden etwas angehen sollten. Aber bis jetzt gab es zumindest diese Ausnahme und man konnte ohne Einschränkungen zu seinem Lebenspartner fahren. Damit ist es nun vorbei. Dass der Besuch des Lebenspartners als Grundbedürfnis anerkannt wurde, spielt seit kurzem keine Rolle mehr. Auch für Pendler: Test. Anmeldung. Jede Woche. Immer und immer wieder. Damit werden spontane Besuche fast unmöglich. Und Pendler ist man nur, wenn man mindestens einmal im Monat nach Österreich fährt.

„Das heißt also, wenn man nicht die Möglichkeit hat, seinen Lebenspartner mindestens einmal im Monat zu besuchen, kann man ihn gar nicht mehr besuchen. Denn da muss man in Quarantäne wie jeder gewöhnliche Tourist. Oder man muss Angst haben, dass man zurück geschickt wird von der Grenze.“

Ich muss ehrlich sagen – auch wenn wir die Pandemie seit fast einem Jahr haben und man mittlerweile daran fast gewöhnt ist, dass man keine Freiheiten mehr hat – während ich diese Zeilen schreibe, kann ich immer noch nicht glauben, dass ich über Zustände bei uns hier in Europa berichte.

Gerade in schweren Zeiten ist es wichtig, dass man Rückhalt von seinen Nächsten bekommt. Dass man zusammen ist und die Probleme gemeinsam meistert. Dass man – wenn man schon sonstige soziale Kontakte einschränken soll – zumindest nicht auch noch von seinem Lebenspartner willkürlich und zwangsweise getrennt wird. Wir leben seit vielen Jahren in einer Welt, wo Landesgrenzen keine Bedeutung mehr hatten. Nur am Rande sei hier erwähnt, dass meine Familie noch in einem dritten Land lebt und wann ich die wieder mal besuchen kann, steht völlig „in den Sternen“.

„Man hat sein ganzes Leben darauf aufgebaut, dass es KEIN Problem ist, über Grenzen hinweg zu pendeln und zu reisen. Das kann man jetzt nicht einfach wieder abschaffen oder rückgängig machen.“

Und bei allem Respekt – wo ist da die Gefahr, wenn ich alleine in meinem Auto fahre, eventuell aus einem Ort komme, wo das Infektionsgeschehen niedriger ist als da wo ich hinfahren will und einfach nur meinen Lebensgefährten besuchen möchte? Zu dem gleichen Zweck innerhalb eines Landes zu pendeln ist ja auch kein Problem.

„Wir wissen nicht, wie lange diese Pandemie unser Leben noch einschränken wird. Das ist schlimm genug. Aber wenn die Maßnahmen auch noch bewirken, dass Familien, Ehe- und Lebenspartner getrennt werden, ist das eine Katastrophe.“

Ein unglaublich menschenverachtender Zustand der einem jegliche Perspektiven und ja, auch den Lebensmut nehmen kann. Es wird in Europa fleißig gekämpft für Menschenrechte. Allerdings meistens, wenn sie außerhalb von Europa verletzt werden. Dass es aber gerade hier momentan unzählige Menschen gibt, denen die Befriedigung der Grundbedürfnisse unmöglich gemacht wird, scheint niemanden zu stören.

(Anonym, im Februar 2021)

Die Geschichten unserer Testimonials geben die subjektive Meinung der jeweiligen Autor_innen wieder und erheben keinen Anspruch auf Objektivität.

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