Als wäre ich eine Verbrecherin

„ES BRAUCHT EHE OHNE GRENZEN, damit binationale Paare einen vertrauenswürdigen Ansprechpartner haben, damit national ihre Rechte vertreten werden und damit sie Antworten auf ihre Fragen bezüglich Eherecht bekommen.“

 

Meinen Mann lernte ich im Dezember 2013 in einem Club beim Tanzen kennen. Als wir uns das erste Mal begegneten studierte ich in Wien, er wartete auf einen Bescheid der Behörden wie sein Ansuchen um Asyl beschieden werden würde.

Er war erst im April desselben Jahres nach Österreich gekommen. Zwei Monate dieser Zeit saß er unschuldig in U-Haft. Auch während unseres gemeinsamen Lebens in Wien wurde er mehrmals von der Polizei aufgehalten – immer ohne bestimmten Grund. Ich kann nur vermuten dass es an seiner Hautfarbe lag.

Sein Weg aus seiner Heimat Nigeria (Biafra) nach Österreich hatte über die Türkei, Griechenland, Mazedonien und Ungarn geführt. Seine lange Reise ist eine Geschichte wie man sie glaubt schon tausendfach gehört oder gelesen zu haben, obwohl jede ganz anders und einzigartig ist.

Wir verliebten uns recht schnell. Kurz nach unserem Kennenlernen wurde sein Aufenthalt in eine Unterkunft in Tirol verlegt.

„Ich erinnere mich noch gut an unseren tränenreichen Abschied im Ute-Bock Haus und daran, als er mit einem Plastiksackerl, in dem sein ganzes Hab und Gut steckte, wegging.

Wir blieben trotz der Entfernung in Kontakt und er besuchte mich an jeweils drei Tagen im Monat. Er nutzte dafür die gesamte Zeit, die ihm als Ausgang zu Verfügung stand. Er war eigentlich mein erster ernsthafter Beziehungspartner. Als ich ihn meinen Freunden und Eltern vorstellte, schlug mir viel Zweifel, Sorge und Angst entgegen.

Trotzdem blieb unsere Liebe stark. Wir beschlossen uns zu verloben und zusammenzuziehen. Gemeinsam wohnten wir in meiner WG. Als ich dann etwas später schwanger wurde, gingen wir in Wien auf Wohnungssuche, ohne Erfolg. Auch dabei stießen wir oft auf Diskriminierung und Rassismus.

Da dieser Weg also nicht zu klappen schien zogen wir in mein Elternhaus aufs Land in Oberösterreich. Mein Studium musste ich aufgrund der Entfernung abbrechen.

Wir wollten trotz all der Schwierigkeiten heiraten. Mit dieser Entscheidung begannen für uns schwierige Monate voller rechtlicher Fragen, die mir niemand klar beantworten konnte.“

Es war eine Zeit voller Hoffen und Bangen. Und ich hatte dieses zerbrechliche kleine Lebewesen in mir, das eigentlich eine glückliche unbeschwerte Mama brauchte um gesund heranwachsen zu können. Es war eine Zeit voller Behördengänge, Recherchen, Gesetzestexte, Anträge, Telefonate, unbeantworteter E-Mails und vor allem langem Warten.

Viele Tausend Euro weniger am Konto, einige Erfahrungen reicher und dank der Hilfe der Familie meines Mannes wurden seine für die Hochzeit notwendigen Dokumente aus Nigeria endlich beglaubigt und nach Österreich geschickt. In Österreich übersetzt, beim BFA in Tirol vorgezeigt und ein Standesamt für die Hochzeit gesucht.

Dazwischen musste er auch noch einen Reisepass bei der nigerianischen Botschaft in Wien beantragen, was abermals viel kostete und trotzdem monatelang nicht bearbeitet wurde.

Da das Standesamt in meiner Heimatgemeinde uns nicht trauen wollte, mussten wir in die nächstgrößere Stadt gehen, wo dies kein Problem zu sein schien. Dort wurden ihm seine Dokumente abgenommen und geprüft, was mir komisch vorkam.

In der Zwischenzeit war unser „Erstgeborener“ auf die Welt gekommen. Wenige Monate später konnten wir dann endlich standesamtlich heiraten. Im darauffolgenden Jahr gaben wir uns auch kirchlich das Ja-Wort. Wir versuchten das Leben zusammen mit unserem Kind zu genießen.

Der Asylantrag meines Mannes war immer noch in Tirol. Da trotz zahlreicher Termine und Anfragen beim BFA in Tirol und in Oberösterreich nach dieser langen Zeit immer noch kein Termin für seine Einvernahme in Aussicht stand, stellte ich selbst eine schriftliche Säumnisbeschwerde ans Gericht. Die Gründe, warum die Bearbeitung seines Aktes so lange dauerte, waren immer andere. Erst im Juni 2017 wurde mein Mann zum „Interview“ (Niederschrift zum Antrag auf internationalen Schutz) beim BFA eingeladen. Zuerst wurde ich befragt.

„Mir wurden falsche Tatsachen und Geschichten über meinen Mann erzählt, wir wurden der Scheinehe beschuldigt, mit mir wurde geschrien und ich musste mich verteidigen, als wäre ich eine Verbrecherin.“

Verletzende Fragen und Aussagen wurden im Protokoll nicht erfasst. Nach meinem Interview weinte ich bitterlich. Da ich meinen Partner nicht mehr sehen durfte, wurde unser Kind von einer wildfremden Person zu mir gebracht. Wir warteten in dem kalten leeren Raum voller Sorge auf das Ende der Einvernahme meines Mannes.

Diese dauerte von 9:00 Uhr bis 15:10 Uhr. Mehr als 6 Stunden, in denen es kein Essen, kein Trinken und keine Pausen gab. Was es jedoch gab, waren herablassende Fragen, absichtlich falsche oder fehlende Übersetzungen und Erpressungen. Bei der Einvernahme wurden meinem Mann sämtliche Dokumente abgenommen. Man gab ihm einen Bescheid mit, der besagte, dass seine Dokumente überprüft werden müssten, seine Identität also nicht feststehen würde.

Ich war schockiert und rief mehrere Anwälte an, viele wollten uns aber nicht helfen: „Hoffnungslos“, meinten sie, wäre unser Fall. Schließlich fanden wir einen der unseren Fall annahm, er riet uns aber erst einmal auf die Antwort nach der Einvernahme zu warten. Der 173 Seiten lange negative Bescheid über seinen Asylantrag kam wenige Wochen später. Mein Mann fühlte sich nicht willkommen in Österreich, wollte nicht um eine Aufenthaltserlaubnis betteln und überlegte deshalb woandershin zu gehen.

Ich nicht, ich wollte kämpfen. Für Gerechtigkeit, für die Liebe und für unsere kleine Familie. Also kämpfte ich und bezahlte für den Anwalt – er war der einzige, der an uns glaubte. Wir sammelten Briefe von Bekannten, um die Integration meines Mannes zu belegen. Dies war jedoch schwierig, da er die letzten Jahre zuhause bei unserem Kind gewesen war, während ich gearbeitet hatte. Inzwischen war er nun 5 Jahre in Österreich. Zu kurz, laut unserem Anwalt und zu schlechte Deutschkenntnisse, aber eine 30% Chance gab er unserem Fall trotzdem.

Ich wollte endlich normal leben können, nicht ständig Angst haben, ein Familienleben in Sicherheit führen können.“

Wir verfassten mit der Hilfe unseres Anwalts eine Beschwerde über den negativen Bescheid. Ich stellte mich bereits mental darauf ein, in Nigeria leben zu müssen. In Unsicherheit, mit schlechter Infrastruktur, marodem Schulsystem, löchriger medizinischer Versorgung und hatte dabei trotzdem noch Hoffnung auf ein positives Ergebnis.

Wenige Monate später wurden wir zur Einvernahme beim Bundesverwaltungsgericht in Innsbruck eingeladen. Wir fuhren gemeinsam mit meinen Eltern dort hin, zur seelischen Unterstützung. Wir hatten das Glück eine sehr menschennahe Richterin vor uns zu haben, welche uns eine Chance geben wollte.

„Es war der glücklichste Tag meines Lebens, mir sind ganze Berge vom Herzen gefallen.“

So erleichtert war ich, als ich erfuhr, dass mein Mann „vorerst“ bei uns – mir, unserem Sohn und unseren Freunden in Österreich – leben darf.

Viele Deutschkurse und Arbeitsstellen später, hat mein Mann endlich seinen Traumberuf gefunden, er ist LKW-Fahrer in einem kleinen Unternehmen mit sehr netten Kollegen. Wir haben noch ein Kind bekommen, ein Haus gekauft und sind nach wie vor sehr glücklich verheiratet. Nur beim jährlichen Antrag auf seinen Aufenthaltstitel bei der Bezirkshauptmannschaft zittern mir immer die Knie und mein Herz klopft, wenn wieder diese große Unsicherheit aufkommt, ob mein Mann hier mit uns leben darf, oder nicht.

(M. & I., im März 2020)

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